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Oriana Fallaci-Radikal-Kritik

Zum Tod der italienischen Journalistin Oriana Fallaci

2005 hatte Benedikt XVI. ein paar ziemlich überraschende Gäste im Schloss von Castelgandolfo. Hans Küng war einer von ihnen, eine andere die italienische Journalistin und Schriftstellerin Oriana Fallaci. Übrigens die erste Italienerin, die Papst Benedikt überhaupt empfing, was die Causa noch erstaunlicher machte. Denn es gibt sicher genau so viele, die Fallacis Islamkritik für überzogen halten, wie solche, die ihre offenen Worte schätzen. Oriana Fallaci ist in der vergangenen Nacht in Florenz gestorben. Heute Nacht sind drei weit über die Grenzen Italiens bekannte Italienerinnen gestorben. Oriana Fallaci, Oriana Fallaci und Oriana Fallaci.

Die erste der drei Fallaci war geprägt, abgestoßen und zugleich fasziniert von der Gewalt. Die hatte Oriana Fallaci schon als Kind erlebt. 1930 in Florenz geboren, aufgewachsen als Tochter eines militanten Antifaschisten, der ihr das Schießen

beibrachte, mit fünfzehn schon im Untergrund als Widerstandskämpferin. Nach dem Krieg entdeckte sie das Schreiben als Befreiung und die Schreibmaschine als Waffe. Mit dem sprichwörtlichen toskanischen Dickschädel und großer Hartnäckigkeit, wesentliche Voraussetzung ihres Erfolgs, wurde sie zu einer bewunderten, umstrittenen, vergötterten und gehassten Leitfigur des Meinungsjournalismus. Sie entwickelte eine wütende Ablehnung aller autoritären Ideologien, die Religionen eingeschlossen. Manches davon mag geschickte Inszenierung gewesen sein. Sie deklarierte sich als Atheistin, doch Papst Benedikt hat sie im August vorigen Jahres zur Privataudienz empfangen.

Die zweite Oriana Fallaci war so verletzlich, wie die erste aggressiv. Auf den Kriegsschauplätzen und in den Konfliktzonen der Welt zuhause, verliebte sie sich in den griechischen Freiheitskämpfer Alekos Pangoulis, der 1976 erschossen wurde. Ihm widmete sie das Buch „Ein Mann“, erschienen 1990, eine wütende Anklage gegen Diktatur und Folter. Als sie schwanger wurde, aber das Kind verlor, schrieb sie 1977 den anrührenden „Brief an ein nie geborenes Kind“. Die Gegner warfen ihr vor, sie hätte das Buch bewusst auf dem Höhepunkt der italienischen Abtreibungsdebatte veröffentlicht.

Sie kümmerte sich nicht um die Emanzipation. Sie war emanzipiert. Nachdem sie sich als brillante Journalistin profiliert hatte, ging sie als Kriegsberichterstatterin 1967 nach Vietnam und drang damit in eine damals reine Männerdomäne ein. „Penelope auf dem Kriegspfad“ und „Wir, Engel und Bestien“ waren ihre ersten Bucherfolge, in denen sie ihre Krallen zeigte: Sie beschrieb Entsetzliches nicht als kühle Beobachterin, sondern kommentierte, kritisch, heftig, verletzend, mit jener Prise Übertreibung, das ihr zugleich Aufmerksamkeit, Erfolg und Angreifbarkeit bescherte.

Sie selbst griff immer zuerst an. Weltweit bekannt wurde sie durch ihre Interviews, die oft wie Streitgespräche anmuten und nach ihren eigenen Worten wie ein Koitus waren: ein Gemisch aus Liebe und Gewalt. Sie interviewte Haile Selassie, Reza Pahlavi, den Schah von Persien, Yasser Arafat, Henry Kissinger, Golda Meir, Indira Gandhi, Willy Brandt, Deng Xiaoping, Ayatollah Chomeini, Ghaddafi. Das Gespräch mit Chomeini wurde abgebrochen, als sie den obligaten Tschador abnahm, den „blöden Fetzen aus dem Mittelalter“.



„Inschallah“ (geschrieben 1992, über Beirut) hätte ihr letztes Buch bleiben können, Doch nach zehnjährigem Schweigen meldete sich überraschend eine dritte Oriana Fallaci zu Wort. Auf den Anschlag vom 11. September auf das New Yorker World Trade Center antwortete sie mit dem Pamphlet „Die Wut und der Stolz“, eine undifferenzierte Polemik gegen den islamischen Extremismus und die vermeintliche europäische Toleranz gegenüber dem Fanatismus. Die subjektive Schwarzweißzeichnung polarisierte, nicht zum Besten der Diskussion.

Gestern Freitag ist sie in ihrer Heimatstadt Florenz ihrem Krebsleiden erlegen. Streitbar auch gegen ihre Krankheit. Die Schuld gab sie Saddam Hussein, den sie nicht mehr hatte interviewen wollen: „Unmöglich, sogar für mich, ihm die Wahrheit zu entlocken.“ Die Raucherin Fallaci schrieb den Tumor ihrem Kuweit-Aufenthalt 1991 zu, als sie den Rauch der brennenden Erdölquellen eingeatmet habe.

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